Thüringer Kinder sollen wieder raus in die Natur
Ein kleiner Streuobstverein kooperiert mit Landschaftspflegeverband und bringt die Streuobst-Pädagogik nach Thüringen
Unter dem Motto „Wenn Bildung Früchte trägt“ haben die Streuobst-Pädagog*innen in Thüringen gezeigt, was Bildung für nachhaltige Entwicklung (kurz BNE) für sie bedeutet und wie sie das in der Praxis umsetzen.
Die vom Ilmtal Streuobst e.V. in Kooperation mit dem Landschaftspflegeverband Mittelthüringen e.V. organisierte Veranstaltung war mit 94 angemeldeten Personen ausgebucht.
Das Grußwort sprach die Staatssekretärin des Thüringer Ministeriums für Umwelt, Energie, Naturschutz und Forsten (TMUENF) Karin Arndt.
Sie betonte in ihrem Grußwort die Bedeutung der Streuobstwiesen in Thüringen als besonders erhaltenswerten Naturraum und nationales Kulturerbe. Um dieses für die kommenden Generationen zu bewahren, spielen die Streuobst-Pädagogen eine zentrale Rolle.
Katrin Karpe (Projektleiterin aus Thüringen) berichtete über die Aufbauarbeit in Thüringen und die Vision, dass auch alle Thüringer Grundschulkinder das „Grüne Klassenzimmer Streuobstwiese“ kennenlernen dürfen – so wie es bereits in Baden-Württemberg erfolgreich gelebt wird.
In Kromsdorf wurden in den Jahren 2022 bis 2025 insgesamt in drei Kursen mit 66 Teilnehmenden, 55 Streuobst-Pädagog*innen aus ganz Thüringen ausgebildet. Viele der Absolvent*innen waren an diesem Tag mit dabei und trafen auf interessierte Pädagog*innen und Erzieher*innen aus Schulen und Kindergärten, Aktive aus Umweltbildung und BNE, Mitarbeiter*innen aus Naturschutzorganisationen und Behörden.
Ein besonderer Dank ging an die Staatssekretärin, denn ohne die finanzielle Unterstützung des Ministeriums wäre die Einführung der Streuobstpädagogik in Thüringen nicht möglich gewesen. Damit ist Thüringen wiederholt Vorreiter in den neuen Bundesländern.
Was sagt die Wissenschaft zum Thema Bildung für nachhaltige Entwicklung und transformatives Lernen?
Dr. Christian Fischer von der erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Erfurt betonte in seinem Vortrag, dass BNE im Schulbereich noch zu sehr als Erziehungsansatz verstanden wird und bestehende ökonomische, ökologische und soziale bzw. gesellschaftliche Konflikte und Spannungsfelder zu wenig angesprochen und diskutiert würden. Er sieht großes Potential im Zusammenwirken von Schule und außerschulischem Lernort Streuobstwiese. Dort können Kinder ganzheitlich entdecken, forschen, lernen, das Leben in ihrer unmittelbaren Umgebung aus vielen verschieden Perspektiven erfahren und selbst aktiv werden – immer auch in Verbindung mit dem Lehrplan – insbesondere im Sachunterricht.
Daran anknüpfend stellte Dr. Wilhelm Trampe (Universität Osnabrück) vor, was die Streuobst-Pädagogen unter transformativem Lernen verstehen:
Eben nicht bei der Wissensvermittlung oder bei Naturerlebnissen stehen zu bleiben, sondern durch Irritationen zum Nachdenken und Diskutieren anzuregen, was letztlich dazu führen soll, dass man sein eigenes Handeln infrage stellt und zukünftig nachhaltiger lebt.
Ein schönes Beispiel dazu lieferte "Quitti Quak" – das neue Maskottchen der Streuobst-pädagog*innen - mit einem Hörspiel über einen alten Apfelbaum, den keiner mehr braucht.
Streuobstpädagogik in Deutschland: Wenn Bildung Früchte trägt - vom Ländle auf die internationale Bühne in über 20 Jahren Entwicklungsarbeit
Anschließend waren alle gespannt auf den Vortrag von Beate Holderied (Geschäftsführerin der Internationalen Streuobst-Pädagogik-Akademie gGmbH – kurz ISA). Sie berichtete von der Entwicklung der letzten 20 Jahre - beginnend vom ersten Grünen Klassenzimmer Streuobstwiese in der Schule ihrer Tochter bis hin zur Gründung der ISA im letzten Jahr und stellte die frisch gebackenen Ausbildungsleiter*innen vor. Sie waren aus ganz Deutschland angereist, um ihre beiden Thüringer Kolleginnen an diesem Tag zu unterstützen.
Wie geht´s in der Praxis? Vom Spurenlesen über alte Apfelsorten bis zur Zukunftswerkstatt - für jeden war etwas dabei
Nach dem Mittagessen teilten sich die Anwesenden in drei Gruppen auf. Die von Beate Holderied angeleitete Gruppe unternahm eine Exkursion in die schöne Umgebung von Kromsdorf auf der Suche nach echten Tierspuren und ihren Geschichten.
Ganz begeistert berichtete Herr Dr. Fischer im Anschluss als Teilnehmer über das Erlebte und Gelernte.
In den Praxisworkshops konnte man unter der Anleitung der Ausbildungsleiter*innen der ISA lernen, wie Bildung für nachhaltige Entwicklung zum Thema „Alte Apfelsorten“ und „Insekten der Streuobstwiese“ mit Kindern umgesetzt werden kann.
Im dritten Workshop fanden sich alle Teilnehmer*innen wieder, die die weitere Zukunft der Streuobst-Pädagogik in Thüringen mitgestalten wollen. Mit der Methode „Zukunftswerkstatt“ waren noch nicht alle vertraut. Dennoch kamen erstaunliche Ergebnisse zutage und viele kreative Ideen, wie man trotz bestehender Hindernisse in Zukunft die Streuobst-Pädagogik bekannter machen kann, wie Kooperationen mit Schulen entstehen und Finanzmittel beschafft werden könnten.
Immer mit dem Ziel, die Kinder und Jugendlichen wieder raus in die Natur zu holen. Um die Begeisterung des Tages aufzunehmen, und an den Ergebnissen der Zukunftswerkstatt weiter zu arbeiten, vereinbarte man gleich einen nachfolgenden Termin.
Fazit
Alles in allem ein gelungener Tag mit spannenden Einblicken in die noch nicht so bekannte Arbeit der Streuobst-Pädagogen*innen.
Besonders begeistert waren die Teilnehmer*innen von den vielen Anregungen für die Praxis und der Möglichkeit, sich regional in Thüringen – aber auch lokal zu vernetzen.
An diesem Tag kamen neue Partnerschaften zustande, die sich so nicht gefunden hätten. Auch das von der Stiftung Naturschutz Thüringen gemeinsam mit den Streuobst-Pädagog*innen entwickelte Schulobstbaumprojekt fand bei den Vertretern der Schulen großen Anklang.
Weitere Informationen und Streuobst-Pädagog*innen in ihrer Nähe finden Sie unter www.streuobstpaedagogik-thueringen.de.